About A Moment

Im Austausch von Wissenschaft und Kunst

Von Christiane Fleissner
und Dr. Annika Schoemann

In Zusammenarbeit mit Darshano L. Rieser

 

Erstbegehung der Route „Ewigkeit für Anfänger“ 11.08.2019

Erstbegehung der Route „Ichgespenst für Meistergeister“ 01.08.2020

Die Ereignislandschaft (nach Paul Virilio) verwebt Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu einem großen Ereignisteppich. Nach Virilio kann solch eine Ereignislandschaft nur von einer Instanz außerhalb unserer Zeit gesehen werden (Gott). Der Mensch, als ein sich in der Zeit befindendes Individuum, findet eine ständige Unterteilung der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart vor.

About a moment hat zur Erforschung der Raum Zeitphänomene einen extremen Ort gewählt:
Kletterrouten in den Bergen. Die hohe Konzentration und körperliche Bewegung im Raum setzen die Zeit „frei“. Der Wunsch nach dem Verschmelzen von Zeit, Geist und Körper,
der als „Flow“ bezeichnet werden kann, bringt oft eine völlig neue Zeitwahrnehmung mit sich. „Außerhalb der Zeit zu stehen“, kann auch als spirituelle
Erfahrung gesehen werden. Zur Vertiefung der Recherche haben wir uns an den Tiroler Extremkletterer und Mystiker Darshano L. Rieser gewandt,
der sich mit zahlreichen Erstbegehungen ohne feste Absicherung einen Namen machte. Gemeinsam mit Darshano L. Rieser haben wir am 11.08.2019 und 01.08.2020
im Zillergrund Erstbegehungen vorgenommen. Die ausgewählten Klettertouren, die Routen des „Bergbezwingens“, können hier als Metapher fürs Leben gesehen werden.
Eine Sicherheit und intensive Verbindung existiert nur für den Moment. Sinnbildlich hängt der Mensch mit einem Seil am seidenen Faden des Lebens.
Das bei den Erstbegehungen entstandene Fotomaterial ist die Basis der künstlerischen Arbeiten.
Mit „about a moment“ möchten wir eine neue Bildsprache entwickeln, die die Newtonsche Linearität hinterfragt und inspiriert von den philosophischen Ansätzen
Edmund Husserls eine 2. Dimension in der Tiefe des Augenblicks – a moment – mit den Möglichkeiten der Kunst darzustellen sucht.
Inspiriert durch Gottfried Böhme, einem Interpreten Edmund Husserls, und Darshano L. Rieser gilt es herauszufinden, ob es möglich ist durch die intuitive Kraft der Kunst
die Mehrdimensionalität von Zeit darzustellen, um so auf den Wert des Augenblicks aufmerksam zu machen.
Kann uns das Hineinfühlen in diese neue Qualität des Zeiterlebens dabei helfen, wieder eine intensivere Verbindung zwischen Selbst und Welt herbeizuführen?
Und könnte dies dann auch eine Chance für uns sein, wieder mehr Verantwortung für unseren Lebensraum zu übernehmen?
„Wie Benjamin prophezeite, sind wir tatsächlich reicher und reicher an Erlebnissen und ärmer und ärmer an gelebten Erfahrungen geworden. Das Ergebnis dieser Entwicklung
ist eine Zeiterfahrung, bei der die Zeit gleichsam »an beiden Enden« zu rasen scheint: Sie vergeht schnell im atemlosen Erleben, und sie schrumpft oder verschwindet in der
Erinnerung. In der Tat mag hier die Wurzel der zeitgenössischen Erfahrung der dahinrasenden Zeit liegen. Und wie im Fall unserer Handlungen und Waren liegt das Problem
auch hier in der fehlenden »Anverwandlung der Zeit«: Wir scheitern daran, die erlebte Zeit zu »unserer« Zeit zu machen.(…) Ich bin der Überzeugung, daß sich das »Verstummen«
der Welt bzw. die »Taubheit« in der Beziehung zwischen Selbst und Welt als bleibende und größte Sorge durch alle Pathologiediagnosen zieht,
die wir in den kritischen Gesellschaftstheorien der Moderne finden.“
Zitat aus „Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“ von Hartmut Rosa

Odyssee1 Darshano L. Rieser

Der Tiroler Darshano machte sich einen Namen mit zahlreichen Erstbegehungen – besonders in den Alpen. Dabei sind seine Begehungen von hohem ethischen Anspruch: durch ausschließliche Absicherung mit Keilen und Normalhaken (Verzicht auf Bohrhaken) sind es reine Trad-Freikletterrouten. Der ausgebildete Drogist, Ikonoklast und Mystiker, studierte die Lehren des indischen Meisters Osho und nahm den spirituellen Namen Darshano an (L. steht für seinen bürgerlichen Namen Ludwig). Die teilweise grenzüberschreitenden spirituellen Erfahrungen von Darshano bilden die gemeinsame Arbeitsgrundlage für das Projekt about a moment.

Bei all der Mystik und Spiritualität ist der humorvolle und leichte Ansatz von Darshano zu betonen: mit – oft farbigem – Frack und Zylinder kletternd hat sich der Zillertaler als „Der Zylindertaler“ einen Namen gemacht.
Auch die Namensauswahl der Kletterrouten steht für seinen kreativen und heiter-spielerischen Umgang mit dem Metier – so tauft er seine Erstbegehungen „Mythomania“, „Glasperlenspiel“, „Sei Poet“ oder auch nach berühmten Filmnamen von Charlie Chaplin.
Wie zum Beispiel „Vagabund“, „Goldrausch“ und „Moderne Zeiten”.

Skizze, about a moment 2018
Skizze, about a moment 2018 (Detail)

Zusammen mit Christiane Fleissner hat er im Heachnberg-Kar hoch über dem Zillergrund bereits zwei Erstbegehung vorgenommen, deren Ereignislandschaften die Basis der künstlerischen Arbeiten bildet.

Am 11 August 2019 entstand „Ewigkeit für Anfänger“, mit Tschack Gredler. Am 1 August 2020 „Ichgespenst für Meistergeister“, mit Wolfgang Aichner. Zu den gemeinsam begangenen Routen gesellen sich noch zwei weitere Erstbegehungen von Darshano zusammen mit dem Journalisten Oliver Stolle und Team, mitte August 2019 „Entgrenzung für Fortgeschrittene“ und im September 2020, „Der Kreis, der sich schließt“, gemeinsam mit Hartl Enthofer. Alle Routen führen auf die „Hier-Jetzt-Spitze“ und gehören zu dem Projekt „about a moment“.

about a moment, Aufstieg 11.08.2019
about a moment, Start, Darshano L. Rieser, 11.08.2019
about a moment, Start, Tschak Gredler 11.08.2019
about a moment, Erstbegehung der Route "Ewigkeit für Anfänger",  Darshano L. Rieser, 11.08.2019
about a moment, Start, Wolfgang Aichner 11.08.2019
 Route "Ewigkeit für Anfänger", auf die "Hierjetzt-Spitze", links der Spatenwand